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"Jedes politische Lager muss sich von seinen Extremisten befreien."
Meldung aus Fürstenwalde/SpreeBürgermeister Matthias Rudolph zu den Ereignissen rund um den 3. Oktober in Fürstenwalde und der Frage, wie wir wieder zu einer demokratischen Auseinandersetzung in der Mitte kommen.
Am 3. Oktober 2026 fanden in Fürstenwalde zwei Veranstaltungen statt: eine Großveranstaltung der AfD auf der Bullenwiese und als Reaktion darauf das Festival für Vielfalt und Solidarität des Aktionsbündnisses „Dialog und Demokratie“ und der Evangelischen Kirchengemeinde am Dom. Rund um die Veranstaltung an der Bullenwiese kam es zu Auseinandersetzungen und Straftaten, die anschließend überregional für Aufmerksamkeit sorgten.
Bürgermeister Matthias Rudolph war vor Ort. Es folgt ein Statement von ihm zu den Ereignissen vor, während und nach den Veranstaltungen.
„Am Tag der Deutschen Einheit haben aus meiner Sicht zu viele Menschen ihre Zeit damit verbracht, sich voneinander abzugrenzen und sich gegenseitig in den eigenen Überzeugungen zu bestätigen. Dabei steht dieser Tag eigentlich für etwas anderes: für die Fähigkeit, Trennendes zu überwinden.
Ich war an diesem Tag bei beiden politischen Veranstaltungen und habe mit Menschen aus unterschiedlichen politischen Lagern gesprochen. Genau das ist meine Aufgabe. Als Bürgermeister der ganzen Stadt lasse ich mich weder von der einen noch von der anderen Seite vereinnahmen. Klar zu sagen ist: Dass es im Zusammenhang mit den Veranstaltungen zu verbalen Übergriffen, körperlicher Gewalt und anderen Straftaten gekommen ist, ist nicht hinnehmbar. Vandalismus und vor allem Gewalt sind keine Form der politischen Auseinandersetzung und dürfen nicht mit einer politischen Haltung oder einem vermeintlich guten Zweck gerechtfertigt werden. Das gilt unabhängig davon, von wem sie ausgehen.
Bei der anschließenden Berichterstattung hat mir an vielen Stellen die Differenziertheit gefehlt, die wir sonst gerade in diesen Tagen so häufig einfordern. Wenn Menschen bewusst provozieren, um Reaktionen zu erzeugen und damit Aufmerksamkeit und Klickzahlen zu erzielen, dann gehört auch das zur Einordnung eines Geschehens. Provokation ist kein Freibrief für Gewalt – aber sie ist auch kein Verhalten, das wir gesellschaftlich einfach als gegeben hinnehmen sollten. Am Ende ist es mittlerweile ein Geschäftsmodell, dessen Erfolg auf Klickzahlen und Likes beruht. Ich lasse mir gern von den Content Creatorn das Gegenteil beweisen, dass es bei Ihren Beiträgen nicht um Reichweite und damit deren Einkommen, sondern Aufklärung geht.
Mein Eindruck ist, dass Fürstenwalde an diesem Tag teilweise zur Bühne gemacht wurde. Menschen kamen mit der Absicht, politische Auseinandersetzungen zu dokumentieren, Zuspitzungen zu erzeugen und damit Aufmerksamkeit zu generieren. Einzelne Bilder und Videos verbreiteten sich anschließend bundesweit. Dabei ging es eigentlich nicht mehr um Fürstenwalde und die Menschen, die hier leben, sondern um die nächste Schlagzeile, die nächste Empörung und die nächste Klickzahl. Das halte ich für eine gefährliche Entwicklung. Denn es vertieft die Gräben und es geraten diejenigen aus dem Blick, um die es eigentlich gehen sollte: die Menschen vor Ort und die tatsächlichen Probleme, mit denen sich unsere Gesellschaft auseinandersetzen muss. Mit denen wir uns auseinandersetzen müssen. Ich wünsche mir deshalb, dass wir uns weniger auf das Wer konzentrieren und mehr auf das Was und Warum. Warum sind Menschen wütend? Warum ziehen sich Menschen in politische Echokammern zurück? Warum haben sie das Gefühl, nicht gehört zu werden? Und warum scheint es für manche attraktiver zu sein, den anderen vorzuführen oder zu provozieren, als mit ihm ins Gespräch zu kommen?
Mit Bloßstellen, Vorführen oder dem Gefühl, moralisch über dem anderen zu stehen, ist noch keine gesellschaftliche Auseinandersetzung gewonnen worden. Das gilt für alle Seiten. Wer den anderen grundsätzlich für dumm, rückständig oder moralisch minderwertig hält, wird ihn nicht erreichen. Genauso klar ist für mich aber: Extremismus darf nicht verharmlost werden. Er muss überall dort benannt und bekämpft werden, wo er auftritt – unabhängig davon, aus welcher politischen Richtung er kommt. Aber und das ist wichtig: Wir dürfen auch nicht jeden Menschen, der eine andere politische Meinung vertritt, zum Extremisten erklären. Auch das verhindert Auseinandersetzung und treibt Menschen eher weiter auseinander. Daher lehne ich die allgemeine Auffassung, dass wir uns voneinander abgrenzen sollen, weiter kategorisch ab. Meine Schlussfolgerung ist eine Andere: Jedes politische Lager muss sich seiner Extremisten entledigen, dass wir uns wieder in der Mitte treffen können und dort im Sinne der Demokratie die Argumente austauschen und die besten Lösungen für die Menschen finden. Dieser Weg wird unbequem, anstrengend und manchmal auch frustrierend. Aber es ist der einzige, der uns als Gesellschaft wirklich weiterbringen kann.
Fürstenwalde sollte deshalb nicht für die skandalträchtigsten Bilder dieses Tages stehen. Die Stadt ist mehr als das, was in einzelnen Videos zu sehen war. Und ich werde meinen Teil dazu beitragen, dass wir hier nicht nur übereinander reden, sondern miteinander – auch und gerade dann, wenn wir uns nicht einig sind. Denn solange wir Provokation über Zuhören stellen, werden wir unsere Probleme nicht lösen. Wenn wir aber bereit sind, den anderen ernst zu nehmen, ohne deshalb seine Position übernehmen zu müssen, haben wir zumindest die Chance, wieder miteinander statt nur gegeneinander zu arbeiten.“
Matthias Rudolph
Bürgermeister Fürstenwalde/Spree